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Begegnung mit meinen Charakteren: die Drehbuchaufstellung

Erfolgreiche Filmschaffende arbeiten bei der Stoffentwicklung zunehmend mit einer psychologischen Methode – der Aufstellung. Dabei werden fiktive Figuren von realen Menschen dargestellt. 

Unsere Trainerin Claudia Gladziejewski erläutert, was es damit auf sich hat und was Regisseur*innen und Produzent*innen daran so zu schätzen wissen:

Claudia Gladziejewski: Florian Henckel von Donnersmarck, dessen Film "Das Leben der Anderen" ich in der Drehbuchentwicklung unterstützen und später auch für den BR redaktionell mitbetreuen durfte, hat das Konzept ganz wunderbar zusammengefasst: „Ein fast magisches Element der Aufstellung ist, dass ich mit meinen Figuren reden und sie Dinge fragen kann, die mir schon lange auf dem Herzen brennen. Ich kann meiner Heldin ins Auge sehen, ihr eine echte, auch indiskrete Herzensfrage stellen, und sie wird mir darauf antworten müssen, in aller Ehrlichkeit, aus der Dynamik der Konstellation heraus. Die Art, wie jemand im Raum steht, enthält fast unbegrenzt viele Informationen. Bei der Drehbuchaufstellung zapfen wir diese Ressourcen an, aktivieren diese feinen Sensoren, und kommen so in einer dreiviertel Stunde oft weiter, als manchmal in einem dreiviertel Jahr.

Wie bringt so eine Aufstellung Autor*innen dann konkret weiter?

Claudia Gladziejewski: Autor*innen gewinnen Klarheit über die Stärken und Schwächen Ihres Drehbuchs und bekommen kreative Impulse für die Weiterentwicklung des Stoffes. Beim Dokumentarfilm können sich verborgene Zusammenhänge innerhalb des Protagonisten-Systems zeigen. Außerdem hilft die Methode, die eigene Rolle im System besser zu verstehen und 'verdeckte Aufträge' der Protagonist*innen ans Licht zu bringen. Der Produzent Ralph Schwingel beschreibt das so: „Wir sind Eigenschaften unserer Projekte in der Tiefe des Raumes 'leibhaftig' begegnet, von denen wir vorher bloß eine dunkle Ahnung hatten. Und wir haben als Aufgestellte in den Stoffen anderer gespürt, wie 'mächtig' sich das Verfahren der Aufstellung durchsetzt, wie solide und unabhängig von den eigenen Annahmen die Methode funktioniert. Beeindruckend und lehrreich zugleich.“

Bei welchen Film-Projekten haben Sie sonst noch mit der Methode gearbeitet?

Claudia Gladziejewski: Neben "Das Leben der Anderen" habe ich z. B. mit Caroline Link "Im Winter ein Jahr" aufgestellt. Hier haben wir uns ausschließlich der Backstory gewidmet, weil Caroline Link wissen wollte, wie ihre Figuren in die Situation gekommen sind, mit der ihr Film beginnt. Das hatte schon sehr viel von einer Familienaufstellung und war erhellend für alle Beteiligten. Beispielhaft für eine Dokumentarfilm-Aufstellung war Maurizius Staerkle Drux', "Die Böhms – Architektur einer Familie", den ich auch als Redakteurin mitbetreut habe. Maurizius hat die Aufstellung so erlebt: „Die Drehbuchaufstellung war eine Art Initialzündung für mein erstes, abendfüllendes Filmprojekt. Sie (...) machte es mir möglich nachzuempfinden, wie sich jeder Einzelne in dieser Familie fühlt, wenn ich diesen Film mache.“

Im Vergleich zu einer Textvorlage werden bei der Aufstellung die Figuren lebendig und ihre Konstellation hautnah erlebbar. Ich freue mich über jede/n einzelne/n, die/der dieser ungewöhnlichen Methode eine Chance gibt und den Mut aufbringt, sich diesem Erlebnis zu stellen!

Die Fragen stellte Andreas Elter.

Wer die Drehbuch-Aufstellung mit Claudia Gladziejewski gern einmal selbst erleben möchte, findet hier alle Informationen zum Seminar Drehbuchaufstellung: Begegnung mit meinen Charakteren.

Prof. Dr. Andreas Elter
Fachgebietsleitung Bewegtbild und Audio in der Contentproduktion
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