Fakten vs. Gefühle? Tipps für konstruktivere Social-Media-Dialoge
Beim Umgang mit Social-Media-Kommentaren machen viele die Erfahrung, dass bei polarisierenden Äußerungen Sachlichkeit oft nicht weiterhilft. Wie können Medienschaffende damit umgehen? Zu dieser und anderen Fragen forscht unsere Dozentin Friederike Herrmann, Medienwissenschaftlerin und Professorin für Journalistik und Kommunikationswissenschaft. Sie spricht über einen neuen Zugang zum Verständnis von journalistischen Social-Media-Beiträge und deren Kommentaren.
Frau Herrmann, was hilft für einen zivilen Diskurs, wenn Fakten nicht zählen?
Friederike Herrmann: Fact Checking erreicht sein Ziel oft nicht, weil es allein die inhaltliche und argumentative Ebene adressiert. Gerade Desinformation und Hate Speech aber richten sich an die emotionale Ebene, sie bedienen Ängste und Bedürfnisse. Auf diese Gefühle muss ich zunächst reagieren – auch, weil Gefühle so beherrschend sein können, dass die rationale Ebene gar nicht zugänglich ist. Wenn ich destruktive Gefühle und Äußerungen in der Kommunikation einfach übergehe und nicht wahrnehme, wirken sie unterschwellig weiter und können den gesamten Kommunikationsraum zerstören. Dabei geht es gar nicht in erster Linie darum, die Urheber*innen der Desinformation zu erreichen, sondern vor allem Dritte, die Community. Wenn es mir gelingt, durch geschickte Interventionen die emotionale Ebene anzusprechen, kann dies eine zivile Kommunikation eher ermöglichen.
Welche psychologischen Muster stecken hinter polarisierenden Äußerungen?
Friederike Herrmann: Sicher sind die Gründe und Ursachen vielfältig und oft auch individuell. Ein Grund für Radikalisierungen können Gefühle der Zurücksetzung und Kränkung sein. Solche Gefühle können auch Menschen entwickeln, die von ihrem sozialen Status betrachtet zur Mitte der Gesellschaft gehören. Ein hilfreiches psychologisches Konzept, mit dem wir arbeiten, ist das der Ambiguitätstoleranz. Dies bezeichnet die Fähigkeit von Menschen, Widersprüche, Unklarheiten und Uneindeutigkeit zu ertragen. Gerade in Krisenzeiten kann diese Fähigkeit abnehmen und ein Schwarz-Weiß-Denken im Sinne von Polarisierungen zunehmen. Die Corona-Zeit ist ein gutes Beispiel dafür, damals war es für manchen Menschen schwer zu ertragen, dass die Wissenschaft oft noch kein gesichertes Wissen über Covid hatte und sich mitunter auch korrigieren musste.
Was kann man tun, um die eigene Resilienz oder die des (Moderations-)Teams zu stärken?
Friederike Herrmann: Resilienz kann auch dadurch gestärkt werden, dass man die Mechanismen der Kommunikation besser versteht. Das kann helfen, das Gefühl einer Ohnmacht gegenüber den Entgleisungen der Kommunikation zu durchbrechen und Selbstwirksamkeit zu entwickeln. Duch das Verstehen gewinnt man Distanz und kann gleichzeitig Strategien entwickeln, auf entgleisende Kommunikation entgiftend zu reagieren. Oder auch in bestimmten Fällen bewusst und begründet zu entscheiden, die Kommunikation zu beenden.
Vielen Dank für das Gespräch.
Wie man Kommunikation in der Praxis zivilisieren kann, zeigt Friederike Herrmann im Seminar Social Media Konflikte entschärfen: Affekte verstehen, Dialog verbessern!
Bei inhaltlichen Fragen hilft gern Simone Stoffers: s.stoffers@ard-zdf-medienakademie.de.
Autorin: Simone Stoffers
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