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„Lernkultur entsteht nicht durch Appelle“

Wie können Teams eine nachhaltige Lernkultur etablieren, wenn Zeitdruck und steigende Komplexität den Arbeitsalltag prägen? Im Interview erläutert die Expertin Dr. Sirkka Freigang, warum klassische Führungsansätze an ihre Grenzen stoßen, welche Rolle Selbstorganisation und Lernroutinen spielen und wie Lernen gezielt zur Wertschöpfung im Unternehmen beitragen kann.

Warum reicht es heute nicht mehr aus, dass Führungskräfte Anweisungen erteilen, Fachwissen vermitteln und Entwicklungsgespräche führen?

Dr. Sirkka Freigang: Wir sind damit konfrontiert, dass die Komplexität der Arbeitswelt kontinuierlich zunimmt. Entsprechend ist das benötigte Fachwissen meistens verteilt und kann nur Silo-übergreifend verwaltet und kuratiert werden. Die Führungskraft hält den Rahmen und orchestriert eine optimale Zusammenarbeit im Team und darüber hinaus. Zur Komplexität hinzu kommt zusätzlich noch die hohe Entwicklungsgeschwindigkeit. D.h., wenn Mitarbeitende auf Anweisungen warten, ist im Zweifel der Wettbewerb schneller. Das funktioniert, wenn Führungskräfte Verantwortung teilen, um die Team- oder Abteilungs-Performance konstant oben zu halten. Dazu gehört auch die Förderung von Selbstorganisation, Selbstverantwortung und Gestaltungskompetenz.

Viele Führungskräfte wünschen sich lernbereite Teams, sehen sich im Alltag jedoch vor allem mit Zeitdruck und Überlastung konfrontiert. Wie kann Lernen trotzdem zu einem festen Bestandteil der Arbeit werden?

Dr. Sirkka Freigang: Lernen kann auch trotz Zeitdruck in den Arbeitsalltag integriert werden, wenn es nicht zusätzlich „oben drauf“ kommt, sondern als feste Routinen in den Arbeitsalltag eingebettet wird – etwa in Regelmeetings und kleine wiederkehrende Formate. Studien haben ergeben, dass 89 % der Befragten Zeit als größte Hürde sehen, daher ist es essenziell, die aktuelle Informationsflut aktiv zu strukturieren und hochwertige Inhalte redaktionell kuratieren. 

Weiterhin muss Lernen kontinuierlich sichtbar gemacht werden, etwa in jährlichen Event wie einem „Learning Day“ oder in monatlichen Formaten wie einem „Lunch & Learn“. Es gibt einfache Lernhacks wie Learning Check-ins in Meetings, Walk’n’Talks, Learning Circles, oder gut zusammengestellte Newsletter oder Podcasts. Diese können auch in vollen Arbeitswochen integriert werden, ohne dass es zur Ermüdung kommt. Lernkultur entsteht nicht durch Appelle, sondern durch gute Gewohnheiten, Selbstverantwortung und arbeitsintegrierte Lernroutinen.

Wenn die Bedingungen stimmen und Lernrituale Teil der Teamkultur werden – wie lässt sich sicherstellen, dass neu Erlerntes effektiv im Sinne des Unternehmens genutzt wird?

Dr. Sirkka Freigang: Nutzen entsteht dann, wenn Lernen nicht nur ritualisiert, sondern klar an Entwicklungsziele und Unternehmensbedarfe gekoppelt wird. Dazu ist es sinnvoll, wenn Mitarbeitende ihre Lernerfolge dokumentieren und ihren Entwicklungsplan selbstverantwortlich steuern. Neuerlerntes muss außerdem in Regelmeetings, Austauschformaten und geteiltem Wissen sichtbar gemacht werden, damit aus individuellem Lernen kollektiver Nutzen entstehen kann. 

Lernen ist kein Selbstzweck, sondern muss eindeutig an die Wertschöpfung gekoppelt werden. Anders gesagt: Wirksam wird Lernen für das Unternehmen dann, wenn es strategisch ausgerichtet, dokumentiert, praktisch angewendet und im Team in messbaren Nutzen übersetzt wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Ein Webinar für alle, die verstehen wollen, was wirksames Lernen auszeichnet und wie Sie als Führungskraft Ihre Mitarbeitenden bei der Kompetenzentwicklung begleiten können:

Bei inhaltlichen Fragen hilft gern Anja Schäfer: a.schaefer@ard-zdf-medienakademie.de

Autor: Sven Dütz

Anja Schäfer
Fachgebietsleitung Führungskräfteentwicklung
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