Jürgen Hampe

„Stimmige Annahmen sind das Höchste, was ich im komplexen Umfeld erreichen kann“

Komplexe Situation sind nicht vollständig analysierbar. Sie sind geprägt von zahlreichen Faktoren und wechselseitigen Beziehungen. Das hat Intransparenz und eine Form von Eigendynamik zur Folge, die Entscheidungen erschweren und oft für Überraschungen sorgen. Wie man Komplexität dennoch souverän begegnen kann erklärt unser Experte Diplom-Psychologe Jürgen Hampe.

Herr Hampe, ob Pandemie, Migration, Klima- oder Finanzkrisen, ein oft gehörter Satz in der Berichterstattung lautet: „Die Welt wird immer komplexer“ – ist das so und was ist damit gemeint?

Jürgen Hampe: Im Alltag meinen wir damit oft ein „Zuviel“ an Informationen und Zusammenhängen, die man kognitiv in kurzer Zeit verarbeiten soll. Es gibt immer noch einen Aspekt oder eine Perspektive zu beachten und am Ende ist man nie sicher, ob man nicht noch etwas übersehen hat. Wir kommen kapazitätsmäßig an Grenzen und der Zeitdruck verhindert oft, dass wir Dingen auf den Grund gehen können. Diese Welt haben wir uns durch Informationstechnologie und globale Vernetzung geschaffen.

Was ist der Unterschied zwischen komplizierten und komplexen Themen?

Jürgen Hampe: Ein kompliziertes Thema ist von Experten*innen komplett durchschaubar und logisch analysierbar. Dadurch können Experten*innen mit exakter Planung vorhersehbare Lösungen entwickeln. Komplexe Themen können auch Experten*innen nicht oder noch nicht komplett durchschauen. Sie müssen durch kluges, manchmal auch mutiges Ausprobieren möglichst schnell lernen. Immer unter einer gewissen Unsicherheit. Ziel ist es, in komplexen Situationen schneller ins Ausprobieren zu kommen als in komplizierten Situationen ins geplante Vorgehen.

Wenn Komplexität den ständigen Umgang mit Unsicherheiten meint, wie kann ich mich als Führungskraft oder Projektleiterin rüsten, um gute Entscheidungen zu treffen?

Jürgen Hampe: Damit ich im Komplexen nicht in beliebigen Trial-and-Error-Verfahren lande, brauche ich strukturierte Denk- und Diskussionsprozesse, die mich in unsicheren Kontexten schnell zu stimmigen Annahmen führen. Stimmige Annahmen sind das Höchste, was ich im komplexen Umfeld erreichen kann. Von da aus kann ich ein Budget (Zeit und Geld) definieren, das ich für eine Entscheidung riskiere. 

Sie verwenden in Ihrem Seminar die Simulation „Interpersonal Skills Lab“ – wofür?

Jürgen Hampe: Gute Fragen, das Heraushören und Erkennen von Mustern in konkreten Situationen, Kreativität, schnelle intuitive Erfahrungszugänge, brutal offene Fehlerkultur mit schnellen Lernschleifen, lautes Denken, effiziente Kommunikation und das Kreieren einer enorm optimistischen Atmosphäre sind z.B. wichtige Zutaten für das Vorgehen in komplexen Situationen. In hochkomplexen Situationen brauchen wir das alles gleichzeitig. Wo kann man das besser trainieren als in komplexen Situationen? Das Interpersonal Skills Lab bietet dazu die Simulation einer Weltraummission am Laptop an, wo Teams in Konkurrenz zueinander „fliegen“. Dabei müssen ständig neue Herausforderungen gemeistert werden. Man kann sich nie auf dem Gelernten ausruhen und hat Zeitdruck. Kennen Sie das irgendwo her?

Vielen Dank für das Gespräch!

Diplom-Psychologe Jürgen Hampe ist Berater, Trainer und Coach und arbeitet zusätzlich als Geschäftsführer eines kleinen Beraternetzwerkes, das sich mit Kulturveränderungen in Unternehmen beschäftigt. Seine Themen drehen sich um die Schwerpunkte Komplexität, Veränderung und Führung.

Bei Fragen zu Seminaren zum Thema Komplexität berät Sie gern Florian Klein: f.klein@ard-zdf-medienakademie.de

Autor: Sven Dütz

Florian Klein
Fachgebiets­leitung Change-, Prozess- und Projektmanagement
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