Würfel statt Drehbücher: Pen & Paper als journalistisches Abenteuer
Wie verwandelt man komplexe Themen in packende Geschichten – und warum ist ein Rollenspiel manchmal lebendiger als die beste Reportage? Unser Trainer Hilmar Poganatz verrät, wie Pen & Paper dank unerwarteter Wendungen und Entscheidungen Journalismus lebendig machen kann.
Was kann Pen & Paper leisten, was eine klassische Reportage, Doku oder Talkshow nicht kann?
Hilmar Poganatz: Ein Pen-&-Paper-Rollenspiel kann Zusammenhänge mit Leben füllen und erlebbar machen, so wie ein Biopic oder ein Historiendrama. Vor allem aber bleibt es immer spannend: Denn noch nicht einmal der Regisseur und Spielleiter weiß, wie es ausgehen wird.
Wie gestaltet man ein Szenario so spannend, dass Zuschauer nicht nach fünf Minuten abspringen?
Hilmar Poganatz: Am besten steigt man direkt mit einem Problem ein, einem Konflikt, einer schwierigen Situation: Ein ungebetener Gast platzt herein, oder draußen vor der Tür johlen schon die Demonstranten. Das baut schnell Handlungsdruck auf und lässt uns erkennen, wie die Figuren ticken.
Wann wird aus einem journalistischen Inhalt tatsächlich ein gutes Pen & Paper – und wann sollte man besser die Finger davon lassen?
Hilmar Poganatz: Gut wird es, wenn es gelingt, komplizierte Inhalte interessant zu machen, denen sich sonst kaum jemand widmen wird. Zum Beispiel die komplexen Sachverhalte im Cum-Ex-Steuerskandal, die im Funk-Pen-&-Paper „Projekt Pegasus“ durch Verhör-Szenen transportiert wurden. Man sollte die Finger davon lassen, wenn man ein Thema nicht wirklich durchdrungen hat, denn man weiß auch als Spielleitung nie bis ins Detail, welche Aspekte im Spiel auftauchen können. Das Thema darf also auch schwierig oder unbequem sein, man sollte es aber in der Tiefe verstanden haben.
Wie kann man Zuschauer*innen über Kommentare oder Abstimmungen in das Spiel einbeziehen?
Hilmar Poganatz: Wie soll der zwielichtige Informant heißen, der eben aufgetaucht ist? Wer ist der Hauptverdächtige, gegen den die Charaktere zuerst ermitteln sollen? Und hat Spielfigur X ein Bonus-Leben verdient, obwohl sie sich als Verräterin herausgestellt hat? Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt. In großen amerikanischen Pen-&-Paper-Shows bezahlen die Zuschauer sogar für In-Game-Effekte wie Zaubersprüche oder Wunderwaffen.
Wie viel Kontrolle darf eine Redaktion über ein Format behalten, dessen Reiz gerade darin besteht, dass etwas Unvorhergesehenes passiert?
Hilmar Poganatz: Auch wenn die Kreativen ganz viel Freiraum brauchen, um ein gutes Pen-&-Paper zu erschaffen – eine inhaltliche Abstimmung mit der Redaktion braucht es auf jeden Fall. Man sollte gemeinsam festlegen, welche Kern-Inhalte rüberkommen sollen und wo im Zweifelsfall auch Grenzen zu setzen sind.
Gab es schon einmal einen Moment, in dem die Spieler*innen etwas gemacht haben, womit Sie als Autor überhaupt nicht gerechnet hatten?
Hilmar Poganatz: [lacht ausgiebig] Es gab überhaupt noch nie eine Runde, in der das nicht passiert wäre!
Vielen Dank für das Gespräch.
Wer jetzt selbst ausprobieren möchte, wie Pen & Papers funktionieren, kann dies in unserem eintägigen Seminar lernen:
Simone Stoffers berät Sie gern: s.stoffers@ard-zdf-medienakademie.de.
Beispiele für aktuelle Pen & Papers
- Mord im Feenreich: Ein Tatort-One-Shot-Abenteuer
https://www.youtube.com/watch?v=b3DtWBiAkLs - Pen & Paper: Fehler im System
https://www.youtube.com/watch?v=djH4ie61sug
Autorin: Simone Stoffers
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Pen & Paper – geleitete Rollenspiele – eröffnen ganz neue Möglichkeiten, mit dem Publikum zu interagieren. Richtig konzipiert, verwandeln sie journalistische Inhalte in erlebbare Szenarien und erlauben Perspektivwechsel. Das Durchspielen von „Was-wäre-wenn“-Szenarien macht abstrakte Themen ...
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