„Auch in der Krise müssen die journalistischen Metaphern stimmen“

Der Schreibtrainer und Neuro-Experte Markus Reiter befürchtet, dass gedankenlose Sprachbilder viele Menschen unbewusst falsch anleiten. Und er gibt Tipps, worauf Journalisten bei Überschriften achten sollten.

Markus Reiter, Foto: dieargelola.de
Markus Reiter, Foto: dieargelola.de

Herr Reiter, Sie mahnen an, dass Politiker, Journalistinnen und Virologen in öffentlichen Statements auf die richtigen Metaphern achten. Haben wir im Augenblick nicht andere Probleme?

Markus Reiter: Niemand bestreitet, dass wir im Augenblick verdammt viele Probleme haben. Dennoch spielen Metaphern eine wichtige Rolle. Sie beeinflussen unbewusst das Denken der Menschen – und damit auch ihr Handeln. Dieser Mechanismus ist als Framing bekannt. Zum Beispiel ist die Kriegsmetapher, der „Krieg gegen das Virus“, unglücklich gewählt. Die Menschen haben zuletzt beim „Krieg gegen den Terror“ verinnerlicht: Wenn wir unseren Alltag so weiterleben, als sei nichts geschehen, demonstrieren wir dem Feind, dass wir uns nicht kleinkriegen lassen. Ein Virus lässt sich davon aber nicht beeindrucken – im Gegenteil. Viel besser war Merkels Satz, Abstand sei Ausdruck von Fürsorge.

Gibt es noch andere Metaphern, die falsche Vorstellungen auslösen?

Markus Reiter: Das Bild von der Dunkelziffer zum Beispiel. Bei Kriminalität und Schwarzarbeit ist eine hohe Dunkelziffer etwas Schlechtes. Bei Corona hat sie auch eine positive Seite: Wenn es um die Zahl der Genesenen geht. Wenn sehr viele Menschen die Krankheit überwinden, ohne etwas davon zu bemerken, relativieren sich am Ende die Quote der Schwerkranken und die Letalität.

Worauf müssen Journalist*innen sprachlich achten?

Markus Reiter: Das ist eine Gratwanderung. Natürlich müssen sie ehrlich die Situation schildern; zugleich sollten sie Menschen nicht den Lebensmut rauben. Die „Stuttgarter Zeitung“ hatte die Schlagzeile „Gute Nachrichten sind nicht in Sicht“. Das wirkt nicht gerade motivierend, zumal vieles in dem Artikel reine Spekulation über die Fallzahlen war. Grundsätzlich sollten Journalisten bedenken: Es gibt Wörter, die direkt auf die Amygdala zielen. Das ist das Angstzentrum des Gehirns. Die Amygdala kennt nur drei Reaktionsmöglichkeiten: erstarren, flüchten oder angreifen. Keine davon ist im Augenblick hilfreich. Eine gemäßigtere Wortwahl würde eher den Präfrontalcortex anregen, jenes Hirnareal, das für rationale Abwägung zuständig ist.

Was heißt das ganz konkret für Redaktionen?

Markus Reiter: Auch in der Krise müssen die journalistischen Metaphern stimmen. Medienarbeiter*innen sollten, auch wenn es gerade hektisch wird, zweimal nachdenken, wie sie etwas ausdrücken. Das gilt für ganz harmlose Missgriffe wie die Überschrift: „Protestanten rücken eng zusammen“ („Stuttgarter Zeitung“). Aber auch für eine sehr unglückliche Wortwahl über die Lage in spanischen Seniorenheimen: „Wie Altenheime zu Pulverfässern wurden“ („tagesschau.de“). Ganz schlimm wird es, wenn manche Medien die alten Clickbait-Methoden aus harmloseren Zeiten einfach weiter nutzen. So wie die Schlagzeile: „Coronavirus im Ruhrgebiet: Dieses Video ist gespenstisch“ („DerWesten“). Man sieht darin leere Einkaufsstraßen. Das ist aber nicht „gespenstisch“, sondern stimmt hoffnungsvoll. Die Menschen halten sich offenbar an die Ausgehbeschränkungen.