"Das Holodeck ist längst Realität geworden"

360-Grad-Video und Virtual Reality werden gern synonym verwendet, tatsächlich sind sie sowohl technologisch als auch in der Rezeption und beim Storytelling völlig unterschiedlich. Michael Kaschner, Senior Producer bei ZDF Digital Medienproduktion GmbH, Regisseur und Filmemacher arbeitet seit Jahren an der Zukunft des Films mit.

Frau mit VR-Brille
© andresr / istockphoto.com

Der Unterschied ist aus Produktionssicht recht schnell erklärt: Das 360-Grad-Video wird mit einer speziellen Kamera aufgenommen, die das gesamte Panorama um uns herum abdeckt, während die virtuelle Realität auf Basis von Hunderten von Fotos am Computer digital zusammengesetzt wird.

Aus Sicht der Zuschauer hingegen scheinen beide Dinge gleich zu sein: Man setzt sich ein Google Cardboard auf oder ein Plastikungetüm wie die Oculus von Rift und schaut einen 360-Grad-Film oder besucht einen virtuellen Raum. "Was der Zuschauer kaum wahrnimmt, weil beides für ihn noch so faszinierend ist, ist aus Sicht des Produzenten ein erheblicher Unterschied", erklärt Michael Kaschner.

Die 360-Grad-Videos

Bis vor kurzem haben ambitionierte Filmer ihre eigenen Kameras zusammengebaut, in dem sie mehrere Kameras auf irgendeinem Träger im Kreis aufgebracht haben. Inzwischen gibt es handliche Kameras auf dem Markt, die schon bis in den Endverbrauchermarkt reichen. Die Technologie: Die Kamera nimmt an dem vom Kameramann bestimmten Ort ein 360-Grad-Bild auf. Das bedeutet: Ist der Kameramann ein Surfer, surft der Zuschauer mit ihm gemeinsam durch den Wellentunnel und kann – dank der 360-Grad-Kamera – während des Surfens sogar nach hinten schauen.

"Dennoch kann ich mich als Zuschauer nur dort befinden, wo die Kamera ist“, erläutert Fachmann Kaschner, „von dieser vorgegebenen Position aus folge ich den optischen und akustischen Reizen – ganz wie der Regisseur und Geschichtenerzähler es sich ausgedacht hat." Für den Zuschauer heißt das: berieseln lassen und darauf hoffen, dass die Filmemacher an den richtigen Stellen Reize gesetzt haben, damit der rechts vorbei springende Delphin nicht ungesehen bleibt.

"Bis auf einige neue Steuerungselemente können die Filmemacher dabei auch weiterhin auf die Storytelling-Elemente aus dem linearen Film setzen, denn der Zuschauer kann sich nur in einer erweiterten Arena umschauen, aber nicht eingreifen", erklärt der Filmemacher. Ganz anders in der

Virtuellen Realität

Dieser von Computern berechnete Raum ist eine fotorealistische oder grafisch berechnete Pixelansammlung. "Durch die kann ich mich als Zuschauer/-in frei bewegen. So kann ich immer wieder neue Perspektiven im Raum einnehmen und sogar interagieren", erläutert Kaschner. "Durch die Interaktionsmöglichkeit gebe ich den Status des passiven Zuschauers auf und nehme eine aktive Rolle in dem Film ein".

Das sei ein komplett anderes Setting als beim 360-Grad-Video, so Kaschner weiter. Der Zuschauer drehe nicht mehr nur den Kopf nach rechts, links, oben und unten, sondern sei Teil der Geschichte geworden, kann eingreifen und sie verändern. Damit der Zuschauer dieser Rolle annehmen könne, benötige er Zeit, in diesem Raum anzukommen und die eigene Rolle im Film zu verstehen. Die Geschichte müsse deshalb viel langsamer als im normalen Film erzählt werden.

"Die wichtigste Frage für den Filmemacher ist in der Produktion: In welche multiplen Anwendungsszenarien will ich ihn schicken und wie hole ich den Zuschauer immer wieder in die Geschichte rein?", erklärt Michael Kaschner. Dabei müssten laufend Reize gesetzt werden, damit die Geschichte weiter läuft und der Zuschauer – eigentlich müsste er eher Akteur heißen – immer wieder Handlungsimpulse bekommt.

Für den Zuschauer/-in ist das die intensivste Form der Immersion. Die größte Herausforderung für die Regisseure ist dabei, ihre bislang gewohnte Kontrolle aus der Hand zu geben. Denn es geht nicht mehr allein um eine Story, wie sie der Autor sieht, sondern um den Betrachter, der diese nun individuell erleben kann (und will). "Wer Geschichten für VR entwickelt muss also immer von innen heraus denken, muss sich ständig fragen: Wie fühlt sich mein 'Zuschauer' in diesem Setting?"

"Das Holodeck ist damit längst Realität geworden", so der Autor und Regisseur. "Mit der interaktiven VR erzählen wir heute Geschichten nicht mehr für ein entferntes Publikum, sondern wir erzählen Geschichten für Menschen, die mitten drin sind – wie im wirklichen Leben."

Autorin: Martina Lenk

ZDF Digital Medienproduktion GmbH

Bei ZDF Digital arbeiten über 70 Experten – Entwickler, Redakteure, Konzepter, 3D-, VR-, Motion-, Corporate- und Sound Designer, Performance Manager, Editoren / Cutter und Untertitler an den Standorten Mainz und Berlin. Dort entstehen anspruchsvolle TV-Produktionen, Untertitel, Image- und Werbefilme, Animationen und Visual Effects, hochwertige Social-Media-Kampagnen, Web-Speciales, Apps, Games und Virtual-Reality-Produktionen.

Michael Kaschner ist Senior Producer bei der ZDF Digital Medienproduktion GmbH.