Die Bedeutung von Qualitätsmedien in unsicheren Zeiten

Die Ereignisse rundum die Bundestagswahls, das Brexit-Referendum, der Aufstieg von Donald Trump und die Fake-News-Debatte werfen die Frage auf, was Qualitätsmedien im digitalen Zeitalter bedeuten. Gerade auch im deutschsprachigen Raum geht es um die Legitimation, Glaubwürdigkeit und Funktion etablierter Medien im Kontext allgemeiner Verunsicherung. Jan Metzger, Intendant von Radio Bremen, schreibt dazu: „Wir haben in Zeiten wie diesen die große Chance, unsere Bedeutung und unsere Rolle in der Gesellschaft noch stärker herauszuarbeiten.“

Lesen Sie hier Auszüge aus seinem Leitartikel „Bei uns ist das Volk – Die Bedeutung von Qualitätsmedien in unsicheren Zeiten“, mit freundlicher Genehmigung von Medienkorrespondenz.

Jan Metzger, Foto: Radio Bremen/Frank Thomas Koch
Jan Metzger, Foto: Radio Bremen/Frank Thomas Koch

In Begriffen wie  „postfaktisch“ oder „alternative Fakten“ sieht Jan Metzger mehr als ein „isoliertes Phänomen der Berichterstattung“, für ihn zeigt sich in der Debatte ein „tiefgreifenden Wandel unserer gesellschaftlichen und politischen Öffentlichkeit“. Zwei Beispiele:

„Der Brexit war das erste große politische Ereignis der jüngeren Zeit, das nicht im Wege einer inhaltlichen Debatte ausgetragen wurde, sondern bei dem eine Seite ganz bewusst auf Unwahrheiten setzte. (…) Der Aufstieg von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten ist das zweite große politische Ereignis: Lügen, Provokationen, gezielte Tabubrüche – das waren die Instrumente, die Trump eingesetzt hat, um seine konservative und rechte Wählerschaft an sich zu binden, vor allem aber um seine Anhängerschaft im Lager der Verunsicherten zu vergrößern.“

In Deutschland zeige die Medienstrategie der AfD, so Metzger, wie dieses „Marketing durch Provokation“ funktioniert:

Die AfD „setzt in ihrer Kommunikationsstrategie auf kalkulierte politische Provokation, um ihre öffentliche Wirkung zu multiplizieren. Grenzüberschreitungen, politische Pöbeleien, echte oder inszenierte Eklats – all das passiert nicht zufällig, sondern folgt einer wohlkalkulierten Strategie. Und sie funktioniert, wie im Bundestagswahlkampf 2017 zu besichtigen war. (…) Für den Bundestagswahl 2017 hat die AfD diese Strategie systematisiert und sich Expertenhilfe geholt: Ihren Internet-Wahlkampf konzipierte und steuerte die Werbeagentur Harris Media aus Texas, die vorher schon erfolgreich für die britische Brexit-Partei UKIP gearbeitet hatte und für das Team von Donald Trump.“

Das bemerkenswerte sei, dass diese Strategie klassische Medien vor ein Dilemma stelle:

„Zum Muster des politischen Marketings durch Provokation gehört auch, dass es ausdrücklich nicht darum geht, eine Mehrheit anzusprechen oder sie gar zu gewinnen. Im Gegenteil: Die politische Mehrheit wird ausschließlich für möglichst wütende Reaktionen gebraucht. Denn je mehr Reaktionen es gibt, desto besser ist das für die Bekanntheit der Urheber der Provokation. Diese zielen in Wahrheit auf ihre Anhänger und auf diejenigen, die ihnen nicht grundsätzlich fernstehen. (…) Damit ist das politische Marketing-Ziel erreicht. Der politische Gegner und die Medien machen den Job, der ihnen zugedacht ist.“

Wesentlichen Anteil daran habe neue Technologie wie z.B. soziale Netzwerke:

„In den Zeiten der sozialen Medien kann aus jeder kleinen Flamme ein Lauffeuer rund um den Globus werden. Das macht die Strategien der politischen Provokateure so wirkungsvoll. Wenn das Netz tobt, können auch klassische Medien nicht einfach wegsehen. Der Hype im Netz ist der Freund von politischen Außenseitern. (…)

Das Ergebnis der Brexit-Abstimmung, der Erfolg von Trump, die Strategien der amerikanischen und der europäischen Rechten – sie sind auch ein Zeichen dafür, wie sich in den Zeiten der sozialen Medien und des Netzes unsere Öffentlichkeit verändert. Politische Positionen, die eben noch minoritär waren, randständig und als abseitig galten, gewinnen in einer veränderten politischen Öffentlichkeit an Wucht und an Terrain. Gruppen, die früher Beachtung nur in ihrem kleinen Umfeld erfahren hätten, werden mit den neuen Medien kampagnenfähig – und im Extremfall: mehrheitsfähig.“

Diese Entwicklung führe zu Debatten über die Rolle und die Glaubwürdigkeit von Qualitätsmedien:

„Die einen sagen: Das Informationsangebot im Netz macht klassische Medien überflüssig. Die anderen sagen: Jetzt, wo man sieht, was alles an Informationen verfügbar ist und wie wenig davon in den klassischen Medien auftaucht, kann man ihnen außerdem auch nicht mehr trauen. Beides zusammen beschert Qualitätsmedien – und nicht nur dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk – eine saftige Debatte um ihre Legitimation und ihre Zukunft.“

Studien zeigten jedoch, dass nur 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung „den Medien“  misstraue, das hieße auch:

„Es gibt immer noch die 80 bis 85 Prozent, die uns Medien sicher auch nicht ständig nur gut finden, die wir aber weiter erreichen können und größtenteils auch erreichen. (…) Es gibt also gewiss eine Legitimationsdebatte um die klassischen Medien – aber es gibt keineswegs eine Legitimationskrise. (…) Nicht die 15 bis 20 Prozent entscheiden über uns. Wir – und vor allem unsere Eigentümer: die Allgemeinheit und ihre gewählten Vertreter – sollten uns nicht von ihnen einschüchtern lassen und vor ihnen zurückweichen. Entscheidend sind nicht sie, sondern die 80 bis 85 Prozent, die wir nach wie vor erreichen und um die wir jeden Tag mit guter Arbeit kämpfen müssen.“

Dafür müsse man im digitalen Zeitalter weiter auf Qualität setzen, neue Technik annehmen und dorthin gehen, wo das Publikum ist:

„Wenn sie sich weiterentwickeln und dabei konsequent auf die Technologien von heute setzen, dann werden Qualitätsmedien ihre Rolle auch noch in vielen Jahren spielen. Sie müssen das Netz umarmen – und für die Zukunft öffentlich-rechtlicher Medien gilt: Sie müssen das Netz auch umarmen dürfen. Wer dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk diese Entwicklung verwehrt, der arbeitet zum Schaden der gesamten Gesellschaft an seiner Abschaffung. Das Netz ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. (…)

Guter Journalismus wird sich auch in den neuen Kommunikationsräumen des Netzes etablieren. Noch nie wurde er so sehr gebraucht wie gerade dort. Qualitätsjournalismus hat eine große Zukunft – denn er ist eine notwendige gesellschaftliche Antwort auf die Veränderung unserer Öffentlichkeit, die vom Einzug neuer Technologien in die politische und soziale Kommunikation ausgelöst wurde.“

Den vollständigen Artikel von Jan Metzger lesen Sie auf medienkorrespondenz.de.