Drei Fragen an Thomas Hallet – Virtual Reality und 360°-Projekte beim WDR

Reisen durch Raum und Zeit – Thomas Hallet, seit drei Jahren zuständig für Virtual Reality und 360°-Projekte beim WDR, setzt auf VR, 360° und die 4D-Experience, um Themen anders zu erzählen als im Fernsehen.
Thomas Hallet vom WDR,  Porträt
Thomas Hallet, WDR. Foto: Porträt WDR / Annika Fußwinkel

Was haben ein Steinkohlebergwerk, Tschernobyl und der Kölner Dom um 1400 gemeinsam?

Thomas Hallet: Es sind besondere Orte, die aus verschiedenen Gründen nicht für jeden und jede zugänglich sind. Aber mit Virtual Reality wird das möglich. Vor drei Jahren haben wir beim WDR angefangen, mit VR und 360° zu experimentieren. Damals haben wir eine 360° Reportage produziert in Pripyat – einer Art Geisterstadt, die nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl geräumt worden war. Danach haben wir ein Projekt gemacht zum Kölner Dom. Dabei haben wir unter anderem eine Zeitreise simuliert: Sie stehen vor dem Dom und erleben, wie es dort nach dem Zweiten Weltkrieg und im Mittelalter ausgesehen hat. Und als im letzten Jahr das Ende der Zechen bevorstand, haben wir das Virtuelle Bergwerk produziert – damit man sich auch dann noch untertage umschauen kann, wenn das "echte" Bergwerk geschlossen ist. Mit VR machen Sie also Reisen durch Raum und Zeit. Das ist eine faszinierende Möglichkeit, Themen anders zu erzählen als im Fernsehen.

Bei dem Projekt zum Steinkohlebergwerk sprechen Sie von einer 4D-Experience. Was ist damit gemeint?

Thomas Hallet: Beim Virtuellen Bergwerk haben wir verschiedene Ideen umgesetzt – darunter die "4D-Experience". Das ist die Simulation eines Bergwerks, so wie es vor ungefähr 100 Jahren ausgesehen hat. Damals haben die Kumpel die Kohle mit der Spitzhacke aus dem Flöz gebrochen; und genau das können Sie in unserer Experience erleben: Sie stehen im Bergwerk und die Controller werden zu Ihrem Werkzeug – zur Hacke oder zur Schaufel. Das ist das 3D-Erlebnis. Wir haben aber einige Effekte eingebaut, die diese Illusion verstärken: Sie stehen auf einer Rüttelplatte, die die Vibration des Förderkorbs simuliert; Sie spüren das "Wetter" und die Hitze untertage, weil wir Ventilatoren und Heizstrahler zum Einsatz bringen. Und es riecht sogar nach Bergwerk, weil wir einen speziellen Aromacocktail um Sie herum verströmen. Dieses multisensorische Gesamtergebnis nennen wir 4D-Experience.

Kaue. Foto: WDR / Klaus Görgen
Kaue. Foto: WDR / Klaus Görgen

Was muss man für die Produktion solcher Dinge wissen?

Thomas Hallet: Der Anspruch an das dokumentarische Erzählen ist der gleiche wie beim Fernsehen oder beim Radio. Aber die Möglichkeiten der Umsetzung eines Themas in VR sind reichhaltiger und die Umsetzung ist komplexer. Obwohl der WDR groß ist, haben wir bei der Produktion unserer bisherigen VR-Projekte kaum die vorhandene Infrastruktur nutzen können – denn das Know-how und die technischen Ressourcen sind sehr spezifisch. Wir haben also mit externen Partnern zusammengearbeitet, die bereits Erfahrungen hatten mit VR. Auf der anderen Seite gibt es bei uns eine große Bereitschaft, beim Thema VR und 360° aktiv zu werden und zum Beispiel in Kameratechnik und -Know-how zu investieren. Auch die Produktion von räumlichem Sound ist spannend und wir können auf vorhandenem Wissen aufbauen. Es geht also darum, dazuzulernen und neue Projekte auf hohem Niveau in neuen Strukturen zu machen.

Vielen Dank für das Interview!

Autorin: Martina Lenk