Führen in Krisenzeiten – die eigene Haltung im Kontext von Ungewissheit

Krisenmanagement in Zeiten von Corona stellt Führungskräfte vor eine ganz neue Art von Herausforderungen: Sie müssen mitunter ungewohnte Prozesse sehr stringent steuern. Worauf es dabei ankommt, erklärt unsere Trainerin und Expertin Dr. Carola Gründler – Teil 2.

Traurige und lachende Gesichter
Bild ©Tatiana/stock.adobe.com

Teil 2: Die eigene Haltung im Kontext von Ungewissheit

Eine Bereichsleiterin erzählt: Von Mitarbeitern einer Abteilung hat sie erfahren, dass deren Abteilungsleiter gerade ziemlich hart drauf sei: Es sei nicht sicher, wie lange die Firma noch Aufträge bekäme. Dann würde auch die ab nächste Woche anberaumte Kurzarbeit nichts bringen. Man müsse den Fakten ins Auge sehen: diesen Shutdown halte die Firma nicht mehr lange durch. Die Mitarbeiter sind gedrückt ...

Praxistipp

Halten Sie als Führungskraft einen Moment inne: Wie oft hören Sie gerade Nachrichten? Welchen Nachrichten folgen Sie? Was machen diese täglichen Nachrichten mit Ihnen? Welche Gedanken oder Gefühle lösen diese Nachrichten bei Ihnen selbst aus? Gewinnen Sie durch diese Informationen ein Stück mehr innere Sicherheit? Oder eher nicht?

Als Führungskraft sind Sie immer ein bisschen „doppelt“ unterwegs: Einerseits sind Sie als Privatperson ganz unmittelbar betroffen – mit einem ganz persönlichen Erleben dieser Krise und mit den Reaktionen von Familienangehörigen und Freunden. Andererseits sind Sie bei der Arbeit – sei es vor Ort oder im Homeoffice – immer auch in der Rolle der Führungskraft unterwegs.

Gerade in Zeiten einer Krise achten Mitarbeiter*innen verstärkt nicht nur darauf, wie Sie Themen und Prozesse vorantreiben. Sie nehmen auch wahr – bewusst oder unbewusst – welche Haltung Sie dabei ausstrahlen. Und dies hat Einfluss auf die Haltung ihrer Mitarbeiter*innen.

Für mich hat es sich beim Thema „Haltung“ bewährt, auf eine gute Balance zwischen zwei einander ergänzenden Kompetenzen zu achten. Im Falle der Bereichsleiterin würde ich gern von einer guten Balance zwischen „Realität zumuten“ einerseits und „Zuversicht vermitteln“ andererseits sprechen. („Realität zumuten“ gerät in unserer gewohnten Welt manchmal ein bisschen aus dem Blick 🙂)

Wenn die Seite „Realität zumuten“ in Zeiten der Krise überbetont wird, besteht die Gefahr, dass Angesprochene in Schwere und Ohnmacht geraten (siehe der Fall der Bereichsleiterin). Wenn man als Führungskraft zu sehr die Seite „Zuversicht vermitteln“ betont, verliert man in den Augen anderer den Kontakt zum Boden. Es braucht eine gute Balance zwischen beiden Seiten.

Grafik Balance
Leider gibt es für die Umsetzung dieser Balance kein Patentrezept. Ich kann mich nur vor einem konkreten Meeting oder einer Telko fragen:
  • Bin ich selbst gerade in einer guten inneren Balance? Auf einer Skala zwischen 0 – 10 (wobei 10 das Optimum ist): Wo bin ich gerade bezüglich meiner eigenen Stabilität? Was würde mir dabei helfen, einen Punkt höher zu kommen? (Bsp. zwischen all der Hektik mal kurz ein wohltuendes Musikstück zu hören)
  • Wie viel Realität will ich gerade zumuten? (Welche Fakten sind tatsächlich für meine Mitarbeiter*innen wichtig?) Wie kann ich authentisch eine gute Zuversicht vermitteln?
Generell kann es hilfreich sein, sich zu dieser Balance im eigenen Führungsteam auszutauschen. Dass der eine im Kontext von Ungewissheit plötzlich sehr hart wird und der andere allzu optimistisch, geschieht nicht absichtlich. Es hat mit unbewussten Konfliktmustern zu tun. Der Austausch im Führungsteam kann ein Stück Sicherheit vermitteln. Je sicherer ich mich fühle, desto bewusster kann ich über meine eigene Haltung entscheiden.
  • Beginnen Sie bei einem solchen Austausch mit der Frage nach dem ganz persönlichen Erleben dieser Krise.
  • Gehen Sie dann über zur Erarbeitung einer gemeinsamen Haltung als Führungskräfte für die nächsten anstehenden Meetings.
  • Und nutzen Sie im Alltag Ihr Führungsteam als Austauschpartner*innen für das Herstellen der Balance zwischen „Realität zumuten“ und „Zuversicht vermitteln“ in ganz konkreten Situationen.
Ein solcher Austausch würde eine weitere Stunde in der momentan knapp bemessenen Zeit erfordern. Aber es ist eben auch in diesem Falle so wie schon beim 1. Praxistipp: Eine jetzt gut investierte Stunde im Führungsteam zum Thema „Haltung“ kann dazu beitragen, dass wir alle – Führungskräfte und Mitarbeiter*innen – in den nächsten Tagen seltener in energiefressende Momente von erlebter Ohnmacht und Lähmung geraten.

Autorin: Dr. Carola Gründler