„Ich möchte den Teilnehmern die Angst vorm digitalen Wandel nehmen“

„Nutzer-Engagement und -Interaktion sind Messgrößen, die viel mehr darüber aussagen, ob man die Menschen wirklich erreicht und berührt hat, als die Quote“ sagt Egbert van Wyngaarden. Der Transmedia-Vordenker und Trainer der ARD.ZDF medienakademie über diese und andere Herausforderungen für den Journalismus.

Egbert van Wyngaarden
Egbert van Wyngaarden

Sie kommen gerade von der re-publica, Europas größter Digitalkonferenz. Welche Themen werden für den Journalismus interessant?

Statt Aufbruchsstimmung habe ich dieses Jahr eine große Besorgnis gespürt. Wo entwickelt sich die Gesellschaft im digitalen Zeitalter hin und was haben soziale Medien und andere Online-Plattformen damit zu tun? Daraus abgeleitet: Wie können wir in Zeiten von Fake und Hate den seriösen Journalismus stärken? Die öffentlich-rechtlichen Medienhäuser (und viele Printmedien) stehen dafür gerade. Ich betrachte sie als Teil unserer sozialen Infrastruktur, wie die Bibliothek, das Stadtarchiv, das Theater und den öffentlichen Platz.

Natürlich wurde auf der rp19 auch über emergente Technologien und neue Erzählformate gesprochen: Wie könnte ein Journalismus der Dinge aussehen? Wie bespielt man Smart Speaker wie Amazons Alexa mit Nachrichten? Wie macht man interessante journalistische Podcasts und wo bietet man die an?

Am Meisten beeindruckt hat mich die Offenheit von Taiwans Digitalministerin Audrey Tang, die als Programmiererin Zeichen gesetzt hat. So offen und experimentierfreudig habe ich in Deutschland noch keine Politikerin erlebt.

Wie beeinflusst Künstliche Intelligenz den Journalismus?

Die vielen Plattformen, mit denen wir leben, stellen Medienhäuser vor enorme Herausforderungen: Wie soll man ohne zusätzliche Ressourcen so viele verschiedene Ausspielwege bedienen? K.I.-gestützte Produktions- und Content-Management-Systeme könnten hier relativ bald Abhilfe schaffen: Sie könnten beispielsweise Social Media Inhalte automatisch generieren und ausspielen, vielleicht sogar angepasst an die Situation oder Vorlieben der MediennutzerInnen. Mehr Output, größere Passgenauigkeit, gesteigerte Relevanz.

Der Weg zu funktionsfähigen digitalen Assistenten ist vielleicht noch lang, aber auch hier sehe ich Chancen, nämlich in Angeboten, die eine bestimmte Ethik und einen verantwortungsvollen Umgang mit Daten garantieren.

In Ihren Seminaren und Labs befassen Sie sich mit Impact-Strategien, Gamifizierung und Nutzerteilhabe. Wie kann man die Erkenntnisse im journalistischen Alltag umsetzen?

Mein wichtigstes Anliegen ist, den Teilnehmenden die Angst vorm digitalen Wandel zu nehmen. Ich zeige, wie man ihn verstehen und konstruktiv auf ihn eingehen kann. Dazu zeige ich viele Beispiele von innovativen Medienprojekten und vor allem: Werkzeuge, mit denen man sie gestalten kann!

Zurück im Arbeitsalltag können die Teilnehmenden dann viel gezielter und strategischer an der Innovation ihrer Programmmarken arbeiten und ihre KollegInnen dafür begeistern. Nutzer-Engagement und -Interaktion sind dabei Messgrößen, die viel mehr darüber aussagen, ob man die Menschen wirklich erreicht und berührt hat, als die Quote. Oft entwickeln wir im Seminar Ideen, die dann tatsächlich konkret umgesetzt werden. Das macht mich dann besonders stolz.

Wie kann Innovation in Sendern und Unternehmen entstehen, wenn Verwaltungsstrukturen und Entscheidungshierarchien oft noch „von gestern“ sind?

Es tut sich in den Häusern gerade sehr viel. Und ich finde, dass da in den letzten Jahren eine beeindruckende Offenheit und Bereitschaft entstanden ist. Die Zeit, in der wir leben, ist von Komplexität und Ungewissheit geprägt: Althergebrachtes funktioniert nicht mehr, neue Orientierungsmuster sind noch nicht vorhanden. Deshalb muss man experimentell vorgehen, viel ausprobieren, Risiken eingehen. Das geht aber nur, wenn man es schafft, verkrustete hierarchische Organisationsstrukturen aufzubrechen. Ich setze dazu auf agile Methoden wie Design Thinking, Lean Media und Scrum. Sie helfen, in interdisziplinären Teams mit flachen Hierarchien zu arbeiten, nutzerorientiert und ergebnisoffen vorzugehen, und Ideen in Prototyping-Verfahren zu testen und zu validieren.

Mal ehrlich: besser zu verstehen, für wen man Medien macht, sich dadurch klarer zu fokussieren und Manches einfach lassen zu können, und dabei stets offen und flexibel zu bleiben – das ist unglaublich motivierend. Ich freue mich, wenn wir auf diese Art dazu beitragen können, Mehrwert für die NutzerInnen zu schaffen.

Vielen Dank für das Interview!

Autorin: Simone Stoffers

Simone Stoffers berät Sie gern zu allen Themen rund um den digitalen Wandel.
E-Mail: s.stoffers@ard-zdf-medienakademie.de
Telefon: +49 511 123598-537