Medienhaus 4.0 – zwischen Wunsch und Realität

Begriffe mit einer Zahl Punkt Null hintendran sollen disruptiven Fortschritt signalisieren – so auch das „Medienhaus 4.0“. Die ARD.ZDF medienakademie hat das genauer analysiert und aufgearbeitet. Wir sprachen mit unserem Experten für filebasierte Medienproduktion, Markus Espenhahn.

Einblick in eine Senderegie
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Medienhaus 4.0 ist ein wohlklingendes Buzz-Word. Was genau verbinden Sie damit?

Markus Espenhahn: Innovation, Aufbruch, leichtere Zusammenarbeit zwischen den produzierenden Gewerken, Senkung von Fehlerquellen, ortsunabhängiges Arbeiten, höhere Schlagzahl in der Erstellung von Beiträgen, weniger Energieverbrauch in der Erstellung des Programms. Zusammenrücken der drei Säulen Radio, Fernsehen, Internet, redaktionell wie auch produktionstechnisch. Es weckt Erwartungen und dadurch Ideen in der Umsetzung neuer Anforderungen in der Produktion, sei es durch geringere Budgets, Personalabbau bei gleicher oder sogar noch gestiegenen Sendeminuten bedingt durch das Internet und Social Media.

Geben Sie dazu mal konkrete Beispiele; was sind in vielen Häusern aktuell die größten Herausforderungen?

Markus Espenhahn: In allen Häusern wird versucht, Blindleistungen zu minimieren. Dazu gehören Wartezeiten beim Ingest, wie auch Renderzeiten und das Durchforsten von Archivbeständen. Die Technik soll uns mit KI unterstützen und uns beim zeitintensiven Verschlagworten von Material und dem Wiederauffinden entlasten. Die teure Infrastruktur soll besser genutzt, Produktionsmittel entweder geteilt oder nur nach Bedarf abgerechnet werden. Außerdem sollen sie so einfach zu bedienen sein, dass nicht nur Spezialisten damit leicht umgehen können.

Da die Medien nicht mehr alleiniger Gatekeeper von Nachrichten sind, muss die Zeit zwischen Dreh und Ausstrahlung weiter verkürzt werden. Bei schwindendem Personal soll eine größere Menge von Ausspielkanälen und damit auch jüngeres Publikum erreicht werden. Und last but not least: Kostenintensive Reisen von Produktionspersonal sollen verringert werden.

Ist eine Herausforderung aber nicht auch die, dass Wunschdenken und Realität immer mal wieder auseinanderdriften?

Markus Espenhahn: Ja, das war schon zur Erfindung des elektrischen Stromes, der Versorgung mit Frischwasser und beim Übergang vom Film zum Video und nun zur Datei so: Ohne Wunschdenken gibt es keine Weiterentwicklung. Mit dem Medienhaus 4.0 sind wir auf dem Weg dahin, eventuell sogar das Wunschdenken unserer Zuschauer zu übertreffen.

Wir sollten aber im Blick behalten, dem Publikum auch zu erklären, wie die neue Technik funktioniert. Das haben wir früher mit Sendungen wie Hobbythek, Computerclub und ARD Ratgeber Technik geleistet. Solche Formate vermisse ich in der Zeit des Dauerkochens und täglichem Talkens.

Die neuen Möglichkeiten im Internet könnten individuelle Lerntempi und Sehgewohnheiten berücksichtigen. Im Seminar „Medienhaus 4.0“ beobachten wir die Entwicklung der Technik am Markt und geben Impulse für die Einführung in den Rundfunkanstalten. Wir zeigen dort auch schon im Betrieb befindliche Mosaiksteinchen einzelner Rundfunkanstalten. Im Medienhaus 4.0 trifft Wunschdenken auf Realität.