"Mit Vielfalt gegen Populismus"

„Wir halten den Nutzern ihre Filterblasen vor. Und verkennen unsere eigenen.“, schrieb jüngst Dr. Barbara Hans, Chefredakteurin von Spiegel Online in einem Essay. Seit über 50 Jahren wird über Vielfalt in den Redaktionen gesprochen, aber erst jetzt ist das Thema für das Vertrauen in Journalismus essenziell.

Redner
Die Redner auf dem Journalismusforum 2017

Leser, Zuschauer und Zuhörer haben heutzutage eine große Bandbreite an Informationsmöglichkeiten, die weit über institutionalisierte, journalistische Angebote hinausgehen. Diese Parallelöffentlichkeit wird zur Messlatte all dessen, was Journalistinnen und Journalisten veröffentlichen. Wenn sich dann noch diverse Bevölkerungsgruppen vom journalistischen Angebot nicht abgeholt fühlen, entsteht ein Raum, der beispielsweise von Populisten gern ausgefüllt wird.

Prägnant, aber unverständlich?

So sind rund 7,5 Millionen Deutsche sogenannte funktionale Analphabeten. Sie können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, zusammenhängende Texte aber nur schwer erfassen. Bei einer Emnid-Umfrage zur Tagesschau 2007 gaben 100 Prozent der Befragten an, sie wissen nicht, was Begriffe wie „Schutzschrift“ oder „Vorteilsabschöpfung“ bedeuten. Auch „Koalitionsfreiheit“ (99 %) oder „Pflegestützpunkte“ (98 %) seien weitgehend unbekannt. Beim Begriff „Tarifautonomie“ mussten 89 % passen.

Sicher, man könnte es sich bequem machen und sagen: Bestimmte Bevölkerungsschichten haben wir mit Nachrichten noch nie erreicht. Das ist richtig. Aber ist das noch zeitgemäß in einer sich rasant verändernden Gesellschaft, die geprägt ist von Globalisierung, Digitalisierung und großen Bevölkerungsbewegungen?

Guter Journalismus bildet alle ab

In Deutschland sind 21 % der Gesamtbevölkerung Menschen mit Migrationshintergrund. Aber nur 5 % aller Journalistinnen und Journalisten haben ausländische Wurzeln. In den Redaktionen spiegelt sich die Bandbreite der Gesellschaft nicht wider: Weiblicher sind die Redaktionen zwar geworden, aber Migranten, Behinderte, verschiedene Religionen oder gesellschaftliche Schichten? Fehlanzeige. Bildungsbürger beschreiben mit ihrer Sicht alle anderen Gesellschaftsgruppen – aus der Perspektive des Mitleids, der Bewunderung, dem Herausstellen der Fremdartigkeit – kurz: des Andersseins.

Die Entfremdung des Journalismus vom Publikum hat mehrere Gründe: Selbstgerechtigkeit, Überheblichkeit, mangelnde Neugier und missionarischer Eifer. Doch die fehlende Vielfalt in den Redaktionen und die mangelnde Bewusstheit der unbewussten Vorurteile (neudeutsch: unconscious bias) tragen ihr Übriges dazu bei.

Das Journalismusforum 2017

Wie können Redaktionen bunter werden, wie die Diversität in den Köpfen trainiert werden, um so das Publikum besser in der Breite zu erreichen?

Mit internationalen und nationalen Beispielen gibt das Journalismusforum 2017 am 7. November in Köln Anregungen für neue Rekrutierungsformen von bunterem journalistischem Nachwuchs, macht die unbewussten Vorurteile in Vorträgen und mit Workshops bewusst und vermittelt Ideen, wie man diesen im Alltag begegnen kann.

Außerdem präsentieren sich Vereine und Verbände, die in den Pausen das Gespräch mit den Journalistinnen und Journalisten suchen wie z.B. der Lesben- und Schwulenverband, Aktion Mensch, die Internationale Gesellschaft für Diversity Management, die caritas und die AWO.

Autorin: Martina Lenk