Ulrik Haagerup: Kritik ist ein Werkzeug und kein Selbstzweck

„Unser Ziel ist es, in 5 Jahren die globale Nachrichtenkultur zu verändern“ – mit dieser Idee will Ulrik Haagerup, Gründer des Constructive Institute, weltweit die Medienindustrie verändern. In drei Monaten veranstaltete er zwei Kongresse mit jeweils über 500 Teilnehmern zum Thema konstruktiver Journalismus – einen in Aarhus im Oktober 2018 und einen in Genf im Januar 2019.

2nd Global Constructive Journalism Conference, Bastian Berbner
2nd Global Constructive Journalism Conference, Bastian Berbner

Die Global Constructive Journalism Conference in Genf im Januar 2019 ließ die Idee aufkeimen, dass Haagerups Vorhaben gelingen könnte. So wie seinem Ruf namhafte Redner folgten, so kamen gleichermaßen fast 600 Teilnehmer aus über 50 Ländern und hörten seinem Mantra zu: Journalisten sollten immer um die „best obtainable version of the truth“ ringen. Dazu müsse sich aber die Presse aus sich selbst heraus reformieren. Damit das gelingen kann, hilft das Institut Journalisten und Nachrichtenorganisationen beim Einsatz der konstruktiven Berichterstattung in ihrer täglichen Arbeit, indem es Zugang zu einem Portal für Praxisideen gewährt, sowie ein Stipendienprogramm und einschlägige Schulungspläne anbietet.

Um all diese Angebote und sein kleines Team bezahlen zu können, hat sich Haagerup potente Geldgeber besorgt – Stiftungen und private Unternehmen, darunter die Tryg Foundation, der Aarhus Stiftstidendes Fond, der Den Fynske Bladfond, Bestseller und die Helsingin Sanomat Foundation. 

Haagerup: Reforming the press from within

Einige Referenten und Panel-Teilnehmer der Genfer Konferenz sprachen davon, dass der aktuelle Journalismus die Menschen krankmache, die Gesellschaft dem Publikum verzerrt darstelle oder ein „Airport-Journalismus“ sei. Der Redner meinte mit Letzterem, dass die Kameras viel zu sehr auf die Politikerschritte auf einer Flugzeug-Gangway gerichtet seien, als auf die wesentlichen Probleme im In- und Ausland. Serge Michel, Ex-Mitarbeiter der französischen Tageszeitung LeMonde, hat für sich deshalb auch eine Entscheidung getroffen, denn er glaubt, dass es schwer bis unmöglich sei, ein Zeitungshaus von innen heraus zu reformieren. Er gründete www.heidi.news. Das sei natürlich ein möglicher Weg, aber Haagerup forderte auch: „We have to reforming the press from within.“ 

Die Zahlen belegen, dass konstruktiver Journalismus kein substanzloses Gedankenspiel ist: Das Reuters Institute hat 2017 Zahlen vorlegt, denen zufolge 48 Prozent der Menschen Nachrichtenkonsum vermeiden, weil sie die schlechten Meldungen nicht mehr ertragen können (bad news are good news), während andere Zahlen aus den Medienhäusern zeigen, dass Beiträge mit einem konstruktiven Ansatz die Verteilung in den sozialen Medien auf 230 Prozent hochschnellen lassen und sich die Verweildauer auf der Webseite verdoppelt. 

Mark Rice-Oxley vom englischen Guardian wies auf die gesellschaftlichen Folgen des einseitigen, negativ getriebenen Journalismus hin: „Wir haben nie über die Vorteile der EU berichtet. Wenn die Menschen von uns immer nur die Probleme mit der EU zu hören bekommen, ist der Brexit doch kein Wunder!“ Er selbst habe sich beim Guardian eine Kolumne erkämpft, die unter dem Namen „Upside“ einen konstruktiven Blick auf die Welt pflege. Aber er will weiter; er will, dass der konstruktive Journalismus nicht mehr gesondert gelabelt ist, sondern sich selbstverständlich im Nachrichtenfluss integriert.

Autorin: Martina Lenk